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(Un-)möglicher Friede?

Erstellt von Sabine Mäurer, reformierter Pfarrerin | |   Unsere Zeitung

«Frieden gabst du schon, Frieden muss noch werden, wie du ihn versprichst uns zum Wohl auf Erden …» (Reformiertes Gesangbuch Nr. 343, 3). Die Spaltung der Kirchen vor 500 Jahren hat zu viel Unfrieden geführt. Glaubenskriege haben Menschen aus ihrer Heimat vertrieben, viele wurden gefoltert oder auch getötet. Auf beiden Seiten wurde viel Unrecht getan. 500 Jahre später werden in katholischen Gottesdiensten viele Lieder gesungen, die auf Luther zurückgehen. Und wir Evangelisch-Reformierten haben die Osterkerze und die Taufkerze eingeführt, weil auch wir gelernt haben, wie wichtig Symbole sind.

Konfessionsverbindende Ehen sind normal und lebbar geworden. Es gibt viele ökumenische Begegnungen und Gottesdienste. Frieden gabst du schon, Frieden muss noch werden. «Christus ist unser Friede» – so heisst es im Epheserbrief. Er hat uns den Frieden gebracht und die Einheit in seinem Leib. Er ist auf die Erde gekommen, hat das Reich Gottes verkündet, so ist das Reich des Friedens, der Gerechtigkeit und der Liebe mitten unter uns angebrochen. Das hat Jesus in seinen Predigten und Gleichnissen verkündigt und durch seine Wunder und Zeichenhandlungen verdeutlicht. Er feierte das heilige Mahl am Abend vor seinem Tod mit allen, die versammelt waren, auch mit einem Petrus, der ihn kurz darauf verleugnete, und mit einem Judas, der ihn an die Staatsmacht verriet. Er machte damit deutlich, wie gross und stark seine Liebe zu uns Menschen ist. Und zum Abschied hat er an diesem Abend sozusagen als sein Vermächtnis gesagt: «Ich bitte für sie, damit sie alle eins seien. Wie du Vater in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.» (Johannes 17, 21). Er ging seinen Weg zu Ende bis nach Golgatha, wo er für seine Überzeugung und für seine Sendung Leiden und Tod auf sich nahm. Dass Gott ihn von den Toten auferweckte, ist uns Zeichen dafür, dass Gottes Friede kein Ende hat, dass dieser Friede schon da ist, lebendig. Er wirkt mitten unter uns. Uns als seinen Nachfolgern ist es aufgetragen, diesen Frieden in die Welt zu tragen. «Wir sollen Frieden stiften, dann werden wir Gottes Kinder heissen», so sagt er in der Bergpredigt. Frieden zu stiften, gehört mit zu den vornehmsten, aber auch schwierigsten Aufgaben, die man haben kann. Schnell steht man im Grossen wie im Kleinen vor schier unlösbaren Aufgaben. Dazu fallen uns viele Beispiele ein. Denken Sie an die Kriege und Konflikte unserer Zeit. Wie viel wurde schon versucht? Immer wieder setzen wir grosse Erwartungen in die Friedensstifter und -vermittler auf dem internationalen Parkett. Wenn wir an die innenpolitische Situation in unserem eigenen Land oder in Europa denken, ist es nicht anders. Viele haben Angst davor, dass Europa auseinanderfällt. Wie gehen wir richtig um mit den vielen Flüchtlingen, die zu uns kommen? Wie werden wir den Menschen in unserem Land gerecht? Wie können wir die Ängste der Bevölkerung ernst nehmen und doch offen bleiben für die Not anderer? Der Protest und auch die Hetze von rechts wachsen. Was können wir der Ausländerfeindlichkeit und dem Rechtspopulismus wirksam entgegensetzen? Schwierige Fragen, auf die es keine leichten Antworten gibt. Nicht weniger kompliziert ist es, wenn zwischen Arbeitskollegen, Nachbarn, Verwandten oder in der eigenen Familie nach Frieden gesucht wird. Frieden zu stiften, ist sehr anspruchsvoll, oft auch undankbar. Aber genauso wissen wir: Es braucht Friedensstifter: Vermittler, Moderatoren und Mediatoren bei Konflikten. Es braucht Leute, die bei den Streithähnen Verständnis für die Gegenpartei erwirken, die Vorschläge für eine gütliche Einigung haben, die gut hinhören, was die Konfliktparteien wirklich antreibt, und die, wo Möglichkeiten sind, aufeinander zugehen. Es braucht Menschen, die um des Friedens willen vielleicht auf ihr gutes Recht verzichten, die einen Schritt auf den anderen zugehen können und die Hand ausstrecken zur Versöhnung. Noch nicht überall gelingt Ökumene. Jesus will uns ermutigen, nicht müde zu werden, den Frieden zu suchen. Wie geht das aber, wenn eine Situation total verfahren ist, wenn es viele Verletzungen gibt, viel Schuld, wenn Dinge geschehen sind, die nicht einfach wieder zur Tagesordnung übergehen lassen? Franz von Assisi wird ein Gebet zugeschrieben, das Gott bittet, uns zu Werkzeugen seines Friedens zu machen: «Sie alle kennen es: O Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens, dass ich Liebe übe, wo man sich hasst, dass ich verzeihe, wo man sich beleidigt, dass ich verbinde da, wo Streit ist, dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum herrscht  …» Es ist die Bitte darum, im Frieden leben zu können – trotzdem – trotz Hass und Streit, trotz Beleidigung, Verletzung, Irrtum und Unwahrheit. Frieden zu wagen – mit Gottes Hilfe und Kraft. Das ist viel verlangt! Meinen Frieden nicht abhängig machen vom anderen, der Unfrieden bringt, der in mir Hass erzeugt und Vergeltungsgedanken. Den Frieden nicht vom anderen fordern, sondern bei Gott suchen und damit in mir selbst. ER will uns diesen Frieden schenken, damit heilen kann, was verletzt ist, damit ein neuer Anfang möglich ist. Christus ist unser Friede – so heisst es im Epheserbrief. Ihn dürfen wir darum bitten. Bei ihm sollen wir diesen Frieden suchen, nicht vor Gericht, nicht bei der Gegenpartei, die doch endlich einsehen muss, dass ich im Recht bin. Nein, bei Gott und dann auch in uns selbst. Frieden gabst du schon, Frieden muss noch werden, wie du ihn versprichst, uns zum Wohl auf Erden.  

Sabine Mäurer, reformierte Pfarrerin

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